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Was ist Gestaltherapie?

Der Weg der Gestalttherapie führt in ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben in lebendigem Kontakt mit sich selbst und der Welt.

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Gestalttherapie einfach erklärt

Katharina Renke

Du fragst dich "Was ist Gestalttherapie eigentlich?" und möchtest dir einen Überblick verschaffen? Dann bist du hier genau richtig! Hier erkläre ich Gestalttherapie einfach und verwende dabei anschauliche Beispiele.

30-Sekunden Zusammenfassung

  • Die Gestalttherapie ist ein erlebnisorientierter Ansatz der humanistischen Psychotherapie.

  • Sie entstand in Abgrenzung zur Psychoanalyse in den 50er Jahren. Hauptbegründer sind: Frederick S. Perls, Lore Perls und Paul Goodman.

  • Das Ziel der Gestalttherapie besteht darin, Menschen zu befähigen, ihr Leben zu verändern, das heißt selbstbestimmter zu leben.

  • Aktive Wahrnehmung befähigt zu aktiver Handlung: Wenn die Klient:innen sich ihrer eigenen Bedürfnisse bewusst werden, kann daraus ein “nährender” Handlungsimpuls – im Sinne des Kontakts mit der Umwelt – entstehen.

  • Einer der Wege, auf dem die Gestalttherapie die Kontaktfähigkeit verbessert, ist die Ausarbeitung eines authentischen Dialogs zwischen Therapeut:in und Klient:in

Inhaltsverzeichnis

Definition: Gestalttherapie einfach erklärt

Theoretische Hintergründe

Ziele von Gestalttherapie

Methode der Gestalttherapie

Gestalttherapeutische Konzepte

Was ist eine Gestalt?

Kontakt

Dialogisches Prinzip

Feldtheorie

Gestalttherapie: Übungen

Definition: Gestalttherapie einfach erklärt

Die Gestalttherapie ist ein erlebnisorientierter Ansatz der humanistischen Psychotherapie.

 

Damit geht sie von einer selbstregulierenden, kreativen Wachstums- und Anpassungsfähigkeit des Menschen aus.

 

Wachstum und Integration finden durch dynamisches Gewahrsein (engl. awareness) im Hier & Jetzt statt.

 

Gewahrsein bezeichnet den Zustand des lebendigen Organismus (Mensch), mit sich und der Umwelt in Kontakt zu sein, ohne das Blockierungen die bewusste Wahrnehmung seiner selbst oder des Gegenüber unterbrechen.

Theoretische Hintergründe

Fritz Perls, seine Frau Lore Perls (Psychoanalytiker:innen) und Sozialkritiker Paul Goodman formulierten in den 50er Jahren in den USA die grundlegende Theorie der Gestalttherapie.

 

Dabei grenzten sie sich bewusst von der Psychoanalyse ab und integrierten philosophische Strömungen, wie zum Beispiel den Existenzialismus, Holismus oder die Phänomenologie in die Gestaltpsychotherapie.

 

Grundlegende Inspiration für Prinzipien und Begrifflichkeiten der Gestalttherapie bot den Pionier:innen die Gestaltpsychologie, welche sich als Disziplin der allgemeinen Psychologie mit der Strukturierung der visuellen Wahrnehmung des Menschen auseinandersetzt.

Ziele von Gestalttherapie

Die Ziele von Gestalttherapie auf einen Blick:

  • Selbstbestimmtes Leben

  • Eigenverantwortung

  • Kontakt

  • Authentizität 

  • Wahrnehmungsfähigkeit steigern (engl. awareness)

  • Vertrauen in die eigene Wahrnehmung

Grundsätzlich besteht das Ziel der Gestalttherapie darin, Menschen zu befähigen, ihr Leben zu verändern, das heißt selbstbestimmter zu leben.

 

Ein selbstbestimmtes Leben wird dabei als eigenverantwortliches Leben verstanden. Angelehnt an das englische Wort für Verantwortung, responsability (response-ability), wird unter Eigenverantwortung die Fähigkeit zum “Antworten” im Sinne des Kontakts mit der Umwelt verstanden.

 

Es geht also darum, dass der Mensch wieder im lebendigen Kontakt mit sich selbst, mit anderen, mit der Gesellschaft et cetera sein Leben gestaltet.

 

Dabei ist das Menschenbild ein interaktionistisches: Der Mensch als Organismus steht in wechselseitigem Austausch mit seiner Umwelt.

 

Wachstum setzt die Integration von (Organismus-)Fremdem in (Organismus-)Eigenes voraus.

 

Die Voraussetzung für aktive Handlungsfähigkeit ist laut Gestalttherapie die Fähigkeit, sich selbst aktiv wahrzunehmen.

 

Wenn ein:e Klient:in sich aktiv wahrnimmt, erfährt sie oder er sich selbst als Subjekt der eigenen Wahrnehmung: Er oder sie bestimmt subjektiv die Bedeutung des eigenen Wahrnehmungsphänomens.

 

Dies befähigt die Klient:innen wiederum zu aktivem, selbstbestimmtem Handeln.

 

Aktives Handeln ist dadurch gekennzeichnet, dass der Mensch auf Grundlage seiner eigenen Bedürfnisse und Interessen (und nicht fremdbestimmter Interessen) handelt.

 

Eine Person entscheidet sich beispielsweise aufgrund gesundheitlicher Beschwerden für eine bestimmte Art und Weise der Ernährung. Sie gibt damit ihrem Bedürfnis nach Gesundheit und Genesung Ausdruck.

 

Wenn von außen an die Person Essen herangetragen wird, welches wenig förderlich für die eigene Gesundheit ist, so kann die Person in vollem Bewusstsein über die eigenen Bedürfnisse sich aktiv gegen das Angebot entscheiden: “Tempting, but no.”

Methode der Gestalttherapie

In der Gestaltliteratur wird oft von “gestalttherapeutischer Haltung” statt Methode gesprochen: Der subjektiv-phänomenologischen Haltung.

 

Dabei zielt der Begriff “phänomenologisch” darauf ab, dass der oder die Gestalttherapeut:in sich an den Wahrnehmungsphänomenen (gr. φαινόμενον (phainómenon) „Erscheinung“) im Hier & Jetzt orientiert – sowohl den eigenen, als auch denen des Gegenübers.

 

Indem die begleitende Person gezielt Fragen stellt, welche den Wahrnehmungsprozess (Gewahrsein, engl. awareness) des Gegenübers unterstützen, eröffnet sich dem Gegenüber ein Erfahrungsraum.

 

Mögliche Fragen, die den Wahrnehmungsprozess des Gegenübers in einer gestalttherapeutischen Sitzung unterstützen, könnten zum Beispiel folgende sein:

 

  • Was erlebst du jetzt gerade?

  • Wie verändert sich deine Stimmung, während du über dieses/jenes Thema sprichst?

  • Was spürst du gerade in deinem Körper?

  • Was ist jetzt gerade im Fokus deiner Aufmerksamkeit? (Gedanken, Gefühle, Körperwahrnehmung, …)

 

In diesem Prozess lernt der Klient beziehungsweise die Klientin, zwischen dem Sprechen über das, was in der Vergangenheit geschehen ist, und dem Erleben dessen, was sich im unmittelbaren Hier und Jetzt entfaltet, zu unterscheiden.

Gestalttherapeutische Konzepte

In der Gestalttherapie werden bekannte Alltagsbegriffe wie Kontakt, Gestalt oder Dialog plötzlich zur Fachsprache. In diesem Abschnitt sind die Grundkonzepte der Gestalttherapie einfach erklärt.

Was ist eine Gestalt?

Eine Gestalt ist eine Figur (Impuls, Bedürfnis, Empfindung), die vor dem subjektiven Erfahrungshintergrund des Klienten oder der Klientin, zu einem sinnvollen Ganzen (Gestalt) organisiert wird.

"Die Bedeutung entsteht aus der Beziehung zwischen Figur und Grund." (Lore Perls)

In der Gestalttherapie geht es darum, diese Gestaltbildung durch die Förderung der aktiven Wahrnehmung des Klienten zu ent-automatisieren.

 

Automatisierte beziehungsweise fixierte Gestalten waren womöglich in der Vergangenheit dienlich – im Hier und Jetzt sind sie es womöglich nicht mehr.

 

Fixierte Gestalten können beispielsweise sein:

  • Feste Glaubenssätze, wie zum Beispiel: “Wenn ich mich in meiner Schwäche zeige, werde ich nicht geliebt.”

  • In der Kindheit gelernte Verhaltensmuster: "die Schuld immer auf andere Schieben"

 

Durch die Auflösung dieser “fixierten Gestalten” werden Energieressourcen mobilisiert und es eröffnet sich ein neuer Handlungsraum für ein selbstbestimmteres Leben.

 

Die Gestaltbildung ist ein Konzept, das stark von der Gestaltpsychologie und ihren Prinzipien wie dem Zeigarnik-Effekt, dem Gesetz der Prägnanz und anderen übernommen wurde.

 

Beispielsweise bevorzugen Menschen laut dem Gesetz der Prägnanz der Gestaltpsychologie einfache, einprägsame Gestalten und strukturieren so ihre Wahrnehmung:

Gestaltpsychologie

 

Präsentiert man ihnen also eine Figur aus schwarzen, kuchendiagramm ähnlichen Formen, so werden die meisten einen Würfel wahrnehmen.

 

Was nimmst du wahr, wenn du folgendes Bild anschaust?

Gestaltpsychologie Gesetz der Prägnanz

Im Gegensatz zur Gestaltpsychologie geht es in der Gestalttherapie nicht nur um visuelle Wahrnehmungsphänomene, sondern eine Gestalt entspricht eher einem Bedürfnis, Handlungsimpuls oder Überzeugung, die im Gewahrseinsprozess des Einzelnen bewusst wird.

Kontakt

In der Theorie der Gestalttherapie bezieht sich das Wort "Kontakt" typischerweise auf die Anerkennung des Du (oder der Umwelt allgemein) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Bewusstseins des Selbst.

 

Kontakt beschreibt einen Austauschprozess des Menschen mit der Umwelt.

 

Das Modell des Austauschprozesses “Kontakt” in der Gestalttherapie ist die Nahrungsaufnahme.

 

An Hand der Nahrungsaufnahme kann beispielhaft deutlich gemacht werden, wie ein Bedürfnis im Austausch mit der Umwelt befriedigt wird und Integration und Wachstum stattfindet.

 

Folgende Phasen des Kontakts werden unterschieden:

  1. Vorkontakt: “Ich nehme bin unruhig und nehme das wahr.”

  2. Kontakt mit dem eigenen Bedürfnis: “Ich erkenne, dass ich hungrig bin und das Bedürfnis nach Essen habe.”

  3. Kontakt mit der Umwelt: “Wo ist etwas Essbares?”

  4. Aggression: “Ich trete an die Umwelt heran und hole mir etwas Essbares und kaue es.”

  5. Assimilation: “Ich verdaue das Essen.”

  6. Nachkontakt: “Hat das Essen meinen Hunger (Bedürfnis) befriedigt?”

Angelehnt an die Autoren E. Doubrawa und S. Blankertz (Lexikon der Gestalttherapie, 2017) kann der Prozess des Kontakts auch graphisch in 6 Phasen in Form der “Gestaltwelle” dargestellt werden:

Gestaltwelle Kontaktzyklus.png

Gestaltwelle

Die Gestalttherapie macht das Angebot, die Momente der Kontaktunterbrechung im Leben des Klienten gemeinsam im Dialog wertschätzend zu erforschen.

 

Ziel ist es, dass dadurch das Gewahrsein (engl. awareness) des Klienten oder der Klientin über die eigenen Bedürfnisse geschärft wird und sich daraus ein “nährender” Handlungsimpuls – im Sinne des Kontakts mit der Umwelt – ableitet.

 

Dies führt zu einem kontaktvollen, selbstbestimmten Leben.

Dialogisches Prinzip

Einer der Wege, auf dem die Gestalttherapie die Kontaktfähigkeit verbessert, ist die Ausarbeitung eines authentischen Dialogs zwischen Therapeut:in und Klient:in, der von Bewusstheit und Spontanität lebt.

 

Diese Grundlage des "erlebbaren Kontakts" durch die dialogische Arbeit in der Gestalttherapie schafft Raum für korrigierende Beziehungserfahrungen und fördert die Bewusstheit mit einem paradoxen Ansatz zur Veränderung, bei dem der Therapeut oder die Therapeutin dem Gegenüber als Mensch begegnet.

 

Feldtheorie

Die feldtheoretische Komponente der Gestalttherapie nach Kurt Lewin besagt, dass ein Organismus seine Umwelt beeinflusst und umgekehrt. Wachstum findet durch eine kontaktvolle, wechselseitige Beziehung mit der Umwelt statt.

 

Gestalttherapie: Übungen

 

Es gibt so viele Formen der Gestalttherapie, wie es Therapeut:innen gibt.

 

Es können unendlich viele therapeutische Übungen, Techniken, Experimente, Interventionen und so weiter angewendet werden, solange sie auf die Erweiterung des Gewahrseins zielen, sie aus der dialogischen und phänomenologischen Haltung entstehen und sich selbstverständlich im Rahmen der Parameter ethischen Verhaltens bewegen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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